Ich bin verabredet. Drei Freunde aus München besuchen mich in Augsburg. Mit dem Zug.
Ein Abend mit Zugbindung
Herr Brand und Alte Liebe
Ich bin verabredet. Drei Freunde aus München besuchen mich in Augsburg. Mit dem Zug. Ich selbst lebe übrigens ebenfalls in München und bin in Augsburg nicht aus Notwendigkeit oder plötzlicher Leidenschaft für Renaissancefassaden gestrandet. Ich bin wegen der Liebe hier. Regelmäßig.
Ein Abend mit Zugbindung hat von Anfang an ja eine gewisse Tragik. Schon bei der Begrüßung weiß man, dass irgendwann Michi auf die Uhr schaut und sagt: "Wir sollten langsam." Bis dahin ist aber noch Zeit.
17 Uhr, Augsburg Hauptbahnhof. Knapp vierzig Minuten aus München. Mein Auftrag für diesen Abend ist überschaubar: ein paar sehr gute Gläser, sehr gutes Essen und der Beweis, dass hinter Pasing nicht sofort landwirtschaftliche Nutzfläche beginnt.
Die erste Station ist Herr Brand, Wein & Bar und die richtige Schleuse zwischen Bahnhof und Abend. Kein Stadtrundgang, keine Fugger, Nichts aus dem FF, keine historische Einordnung des Augsburger Wassermanagementsystems. Erst einmal Wein. Das schafft Vertrauen.
Der erste Schluck sitzt. Straff, klar, mit ordentlich Zug. Zugbindung eben. Denn Zug kann im Wein ja etwas ausgesprochen Schönes sein.
Hinter der Bar steht Boffi, frisch erkältet aus Südtirol zurück und offenbar trotzdem ausreichend bei Kräften, uns konsequent in dieselbe Richtung zu schieben. Wenn man gerade aus Südtirol kommt, empfiehlt man natürlich Südtirol, also landet Niedrists Chardonnay vom Kalk im Glas, dazu Parmesan-Fritten, Südtiroler Schinken und Fenchelsalami. Der erste Schluck sitzt. Straff, klar, mit ordentlich Zug. Zugbindung eben. Denn Zug kann im Wein ja etwas ausgesprochen Schönes sein. Spannung, Richtung, Trinkfluss. Dieses kleine Ziehen am Gaumen. Boffi schenkt noch seinen hauseigenen Wermut ein, wir sitzen, reden, trinken, und lassen uns noch einen Wegwein empfehlen. Also bevor wir den Weg in die Alte Liebe antreten. J.J. Berizzi, Kapitel 5.
Dann zur Alten Liebe. Benjamin Mitschele kocht mit seinem Team saisonal und nimmt das mit der Herkunft seiner Produkte ernst. Ein Teil von dem, was später auf unseren Tellern landet, wächst in der eigenen Gärtnerei. Gemüse, Kräuter, Früchte. Erde unter den Fingernägeln und ein Stern. Freitag und Samstag wird hier das große Besteck ausgepackt. Menü, Fine Dining. Mittwoch und Donnerstag dagegen darf die Alte Liebe ein bisschen lockerer sitzen. Dann ist Bistro. Mehr Bewegung auf dem Tisch, mehr Freiheit in der Küche. Benni nutzt diese Abende für Themen und kulinarische Ausflüge, mal Levante, mal Seafood Summer, mal Anatolisch. Genau da sind wir jetzt. Ocak.
Wir starten mit Winzersekt von Christmann & Kauffmann, Cuvée No. 205. Eben noch Nachmittag, jetzt Abend. Das Essen kommt in Wellen, nicht als brave Choreografie. Çiğ Köfte, Biftek Ezme als Wagyu-Tatar mit Paprika und Romana, gebeizter Thunfisch auf Joghurt mit geräuchertem Olivenöl. Ekmek, Ezme, Mutabbal. Alles teilt sich, alles wandert über den Tisch.
Dann Oktopus mit Butterbohnen, Tomate und Sucuk. Mein Highlight. Oktopus und Sucuk, Meer und Wurst. Wetzel klatscht in die Hände.
Dazu Andreas Tscheppes Salamander 2017, ein Wein, der seinen Geschmack nicht verändert nur weil man etwas von Sesam und nassem Leder redet. Lebendig, eigenwillig und passend zu diesem herrlichen Abend mit Matthias, Andi, Michi und mir. Es folgen Pistazien-Kebap, geschmorte Lammschulter mit Aubergine und Tomate, Kabeljau im Weinblatt mit Taratorsauce und wildem Fenchel. "Wir bleiben einfach hier." Andi fotografiert. Teller, Flaschen, Details. Sinn für Interesse eben.
Zum Schluss Rotwein. Einer, der einem die Hand auf die Schulter legt und sagt: Komm, jetzt reicht's auch langsam. Zum Dessert Künefe und Süzme, süß, samtig, cremig.
Und dann fällt er. Der Satz. "Wir sollten langsam." Im nächsten Moment werden Rechnung, Jacken, Janker, Mäntel, Brillen und Telefone zusammengesammelt. Kein langsames Ausfransen, kein „wir könnten noch“, ohne letzten Absacker, der dann noch drei Stunden dauert. Stattdessen ein Fahrplan, der sagt: Bis hierhin und nicht weiter. Falls sie den Zug erwischen, fahren drei Freunde zurück nach München. Ich bleib da. Wegen der Liebe.









